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Adventszeit – Pipe-Time

von Daniel Zinnenlauf

Sich an Adventsabenden gemütlich vor dem knisternden Kaminfeuer eine Pfeife stopfen? Während die Nebelschwaden ums Haus ziehen oder die Flocken tanzen, kann einen auch eine ganz andere «Pipe» erwärmen: Heat für Heat treffen in der Vorweihnachtszeit am «Pipe Masters» jeweils die 36 besten Surfer zum finalen Showdown der Saison aufeinander. Nach Stopps auf allen Kontinenten ist Hawaii die elfte und letzte Station der Championship Tour der World Surf League (WSL). Banzai Pipeline – oder einfach «Pipe» – heisst der vielleicht magischste Surfspot der Welt. Er liegt im Norden von Oahu an einem Küstenabschnitt, den Surfer als «Seven Miles Miracle» verehren. Für die Allerbesten sind die Wellen von Pipeline Stoff himmlischer Träume, für alle anderen No-go-Area oder Alptraum.

Die Tubes von Pipe

Wenn es auf der Nordhalbkugel Winter wird, produzieren Sturmtiefs weit draussen auf dem Pazifik eine kräftige Dünung, deren Energie sich mit voller Wucht an den steilen Riffen von Oahu entlädt. Die Wellen türmen sich über dem untiefen Meeresgrund zu haushohen Wänden auf, die sich überschlagen. Von weit oben stürzt die dicke Wasserlippe vornüber in die Tiefe des Wellentals. Dabei öffnen sich im Welleninneren kurzzeitig Hohlräume. Möglichst tief in diese liquiden Röhren, «Tubes» oder «Barrels», einzutauchen und auf dem Brett stehend wieder daraus hervorzuschiessen, ist für Surfer das Höchste. Am Banzai Beach formt Mutter Natur – wenn sie denn will – Tubes von vollendeter Schönheit. In ihnen entscheidet sich nach einer langen Saison oft erst, wer die WSL-Tour gewinnt.

Streamen ohne Grenzen

Wie von jedem anderen Wettkampf fängt die WSL auch das Pipe-Spektakel mit Kameras im Wasser, aus der Luft und vom Land her ein und überträgt es online, von Experten auf Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Japanisch kommentiert. So ist die globale Surf-Community auf allen Kontinenten live dabei – über die WSL-App auf Mobilgeräten und Smart-TV, auf der WSL-Website, Facebook oder YouTube.

Während andere Sportligen milliardenschwere Verträge mit Broadcastern abschliessen und Paywalls hochfahren, behält die WSL die Übertragungsrechte für sich und verbreitet den Content im Live-Stream gratis. Wie gut die World Surf League an den dazwischengeschalteten Werbespots für das junge Lifestyle-affine, globale Surfpublikum verdient, bleibt ihr Geheimnis. Immerhin: Eine Erfolgsziffer verriet sie jüngst dem Fachportal Digiday: Die Zuschauerzahlen seien 2019 um 25 Prozent gestiegen. Zwischen den Events hält die WSL die Community auf der Website und Social Media – speziell auch auf IGTV – mit kurzen Newsclips, den «Surf Breaks», bei der Stange. Aber auch mit eigenen Dokus und Filmporträts von Surfern oder neu in Zusammenarbeit mit dem US-TV-Kanal ABC mit einer Casting-Show für Surftalente.

Für lange Nächte

Live-Übertragung von Surfcontests eignen sich für das herkömmliche Fernsehen nur bedingt. Denn wann gesurft wird, bestimmt allein der Ozean – und der richtet sich nur selten nach den Wünschen von Programmdirektoren und Marketingfachleuten. Die WSL-Wettkämpfe finden jeweils innerhalb eines zehn- bis zwölftägigen Zeitfensters statt. Gesurft wird nur, wenn die Qualität der Wellen stimmt – und dann auch mal 8 Stunden am Stück an einem gewöhnlichen Dienstag. In Oahu geht die Sonne jeweils pünktlich zum europäischen Nachtessen auf. Früh morgens sind die Wellen oft am besten. Deshalb läuft die Pipe-Action gewöhnlich zur europäischen Primetime an und kann sich dann über mehrere Stunden hinziehen. Gut, sind die Dezembernächte in Europa die längsten des Jahres.

Photo credit: Justin de La Ornellas / flickr

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