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Auf dem Rummelplatz der Aufmerksamkeit

von Werner Kälin

30 Männer sind genug: Damit kämpfte sich Sandwich-Mann Urs Freuler durch die Menge am Landsgemeinde-Flohmarkt in Glarus. Gekämpft hat er für 30 Frauen im Glarner Landrat. Im Einsatz war er für die kantonale Gleichstellungskommission und seine weitere Botschaft lautete: 30 Frauen sind genug. Für die 60 Sitze im Glarner Landrat – darauf sitzen derzeit elf Frauen – stehen in einem Monat Wahlen an. Tags zuvor griff auch das Anna-Göldi-Museum im benachbarten Ennenda das Thema Frauenrechte auf. Zwei Künstlerinnen zeigen derzeit ihren aufwändig gestrickten Teppich aus Leinwand, der die Entwicklung der Gleichberechtigung und die aktuelle Situation verbildlicht. Die beiden Beispiele zeigen einerseits: Das Thema wird nicht klein geredet. Und andererseits: Die Tage um die Glarner Landsgemeinde haben es politisch und gesellschaftlich in sich. Der Flohmarkt ist eine Bühne für Anliegen aller Art. Es geht auch, aber nicht nur um Abstimmungsvorlagen, die am Sonntag im Ring behandelt werden. Die politischen Parteien präsentieren sich in bestem Licht, geben blaue «Spitzbuebe» oder grüne Gemüsesäcke ab, bauen ein ehemaliges Fotogeschäft in eine alternative Bar um oder verschenken Ballone, mit denen schon die Kleinsten politisch überzeugt werden sollen. Auch andere Organisationen zeigen sich, spielen ein spontanes Konzert in der Menge, haben ein Fisch-Musical vorbereitet oder verkaufen Tombola-Lösli. Und das Ganze in der so schon quirligen Flohmarkt-Atmosphäre. Was sich vielleicht etwas hektisch anhört, ist in der Tat ein Kommunikationsparadies in entspannter Atmosphäre mit Kuchen, klassischen Grill-Spezialitäten, Heuschrecken-Crêpes und regionalem Bier. Der Flohmarkt ist das analoge – im Sinne von echtzeitlich – Pendant zum digitalen Aufmerksamkeitskampf. Dort ist es zwar hart aber wichtig, seine Ansichten und Botschaften zu platzieren, Spuren zu hinterlassen. Ja, Botschaften gehören nicht immer und auf jeden, aber gezielt auf den richtigen Rummelplatz. Und nach dem Rummel geht es weiter. So organisiert die Gleichstellungskommission eine Podiumsveranstaltung mit Kandidatinnen, verteilt Postkarten-Sujets in einer Frauen- und einer Männersorte und nimmt an Veranstaltungen Dritter teil. Die bescheidene, aber gezielt eingesetzte und hoffentlich wirkungsvollen Kampagne braucht zwar auch ein Budget, vor allem aber Frauen- und Männerpower aus dem Kreis der Kommission und der Kandidierenden. Selbstverständlich: Ein Foto auf Instagram gehört auch dazu. Auch dieser Rummelplatz lässt sich gezielt nutzen. Zum Beispiel mit einem Selfie mit einer Wählenden, das es ohne analoge Begegnung nicht geben könnte.

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