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Eine Geschichtenerzählerin der ersten Stunde

von Reto Wilhelm

Dieses Bild vergesse ich nimmer: Da sitzen wir im schaukelnden Bötchen am Steg des legendären Peninsula Hotels in Bangkok. Vorne links: Charlotte Peter, die weitgereiste Grande Dame des Schweizer Reisejournalismus. Dahinter wir drei: Oliver Affolter, Regisseur und TV-Journalist, Gabriela Brugger, Filmerin, und ich.

Wir haben soeben die Dreharbeiten für den SRF-DOK-Film „Mit 80 Jahren um die Welt“ abgeschlossen. Und das nicht irgendwo, sondern auf dem Dach des Peninsula Bangkok, auf dem Helipad, wo man einen Weitblick wie kaum anderswo hat. Charlotte war wieder voll im Element, hat von ihren unzähligen Reisen in den Fernen Osten berichtet. Und von den Veränderungen, die sie beobachtete, jedes Mal, wenn sie an den Chao Phraya River zurückkehrte. Wir haben viel gelernt und viel gelacht. Noch mehr gelacht haben wir, als wir mit dem Bötchen wieder heimgekehrt sind. Ein, vielleicht auch zwei oder drei Gläschen Rotwein intus hatten wir. En pleine forme. Und Charlotte immer drei Meter voraus.

Zuvor hatte uns Charlotte Peter drei Tage (und zwei Nächte) ihre Memoiren und Erkenntnisse geschildert: unterwegs im Eastern & Oriental Express, dem legendären E&O. Sie war in Fahrt, logisch. Sie liebte die Kamera, sie war eine Storytellerin – bevor je von diesem Genre die Rede war. Sie referierte über China, das sie besonders gut kannte. Über Singapur, wo sie über 50-mal war. Und und und. Stets trug sie ihren roten 7-Kilo-Koffer mit dabei. Mehr Gepäck gab’s bei ihr nicht. Jeden Abend – wie machte sie das bloss? – erschien sie auf dem Laufsteg, der Pianobar im E&O, perfekt angezogen, immer passend zur Situation. Jeder Dress sass, keine Fältchen, null und nichts.

Sie war eine eindrückliche Persönlichkeit. Sie war gebildet, Kosmopolitin, Wissenschafterin auch – und zugleich völlig down-to-earth. Denn sie war eine weltoffene Frau, die zugleich ihre Prinzipien hatte. Sie reiste und reiste, nichts und niemand konnten sie stoppen. Nun ist sie verstummt. Mit 96 Jahren ist sie in Zürich verstorben. Sie ist und bleibt das beste Beispiel dafür, was Reisen bewirkt: Es öffnet den Geist, den Horizont – und Reisen hinterlassen bekanntlich immer Erinnerungen. Sehr gerne erinnere ich mich an sie: Charlotte Peter – ein grosses Vorbild.

Ein paar Erinnerungen an Charlotte Peter, die Grande Dame des CH-Reisejournalismus:

SRF „Aeschbacher“ – Charlotte und ihr roter Koffer
https://www.srf.ch/play/tv/aeschbacher-/video/charlotte-peter-stets-unterwegs-mit-7-kilogramm-reisegepaeck?urn=urn:srf:video:d5b82de3-bfd0-4579-9f06-18a64d4dc1a7

Buch „Als das Reisen erfunden wurde“ – Charlotte Peters Liebeserklärung an die Welt
https://www.muensterverlag.ch/produkt/peter-als-das-reisen-erfunden-wurde/

Buch „Die Geschichte eines hässlichen Mädchens“ – die Autobiographie von Charlotte Peter
https://www.muensterverlag.ch/produkt/peter-die-geschichte-eines-haesslichen-maedchens/

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