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Einfache Sprache – so einfach?

von Reto Wilhelm

Dass jeder sechste Schweizerin eine Anleitung zur Inbetriebnahme des neuen Handys nicht versteht, das lässt aufhorchen. Lesen ist out. Verstehen noch mehr? So einfach ist die Welt dann auch nicht. Denn der Topos des Sprachverfalls und damit einhergehend jener der mangelnden Sprach- und Textkompetenz bei kommenden Generationen, der ist uralt. Schon im 18. Jahrhundert gab es grosse Diskussionen dazu.

Laut und deutlich ist nicht immer klar und einfach

Doch klar ist: Einfache Sprache – jener Ansatz also, Dinge ganz einfach und klar zu formulieren – ist ein Gebot der Stunde. Nicht nur wegen der schwindenden Lesekompetenz und des digitalen Illettrismus, sondern auch aus Fairnessgründen. Denn es gibt viele Menschen, denen Lesen schwer fällt – aus anderen Gründen. Beispielsweise, weil sie eine angeborene Leseschwäche haben, sehbehindert oder kognitiv eingeschränkt sind, unter anderem wegen Demenz. Und da ist das Konzept der einfachen Sprache absolut tauglich und sogar dringend angezeigt. Für Anleitungen, für Behördenkommunikation, fürs Vertragswesen (wer liest schon zehn Seiten Kleingedrucktes), für Informationen zu Gesundheitsthemen, Prävention und vieles mehr. Hier leisten viele soziale Einrichtungen und NGOs schon ganz viel zur besseren Information der Bevölkerung und Betroffenen. Auch in der Museumsdidaktik ergibt einfache Sprache Sinn, weil Vermittlung von komplexen Inhalten auch anders erfolgen kann. Das letzte, positive Beispiel, das ich live gesehen habe, ist die Humboldt-Ausstellung in Berlin. Dort war jeder Museumstext zu Schaubildern, Exponaten oder Infografiken auch in einer zweiten Version – in einfacher Sprache – vorhanden. Das führte unter anderem dazu, dass viele Kinder in dieser Ausstellung weilten und so vermutlich mehr Wissen über diesen Forscher nach Hause trugen.

Und trotzdem frage ich mich, ob einfache Sprache nun einfach immer das Richtige ist? Konkret: Lässt sich mittels einfacher Sprache auch komplexes, klassisches Storytelling – für anspruchsvolles Publishing – bewerkstelligen? Wenn also komplexe Erzählstrukturen ins Spiel kommen, wenn es um klassische Rhetorik und deren Stilfiguren geht, geht denn das immer einfach? Was ist mit Metaphorik, also bildhafter Sprache? Sie lebt ja gerade von einer übertragenen Semantik. Oder das Paradoxon, das ja geradezu ein willentlicher Widerspruch in sich ist. Und was ist mit der rhetorischen Frage, die ja bewusst keine Frage ist. Oder nicht?

Zwischen den Zeilen befindet sich mehr als nur Durchschuss

Und damit sind wir schon an einem Schlüsselpunkt angelangt: Bringt uns die Vereinfachung von Sprache in letzter Instanz weiter? Oder geht einfach auch sehr viel verloren, wenn man es zu einfach sagen will und muss? Ich bin unschlüssig, denn ich will nicht in den Duktus der Sprachskeptiker und -pfleger des 19. Jahrhunderts verfallen. Aber ich frage mich ernsthaft, ob man sprachliche Kompetenzen, also das ganzheitliche Verfassen und Verstehen von Texten, nicht einfach auch wieder stärker fördern und einfordern müsste. Wohlverstanden: Ich spreche hier explizit NICHT von Menschen, die von einer kognitiven Beeinträchtigung eingeschränkt sind.

Vielmehr spreche ich von der sprachlichen Grundausbildung, vom Deutschunterricht, vom Literaturunterricht, den wir alle erlebt haben, mal gut, mal weniger gut. Hier wird die Basis gelegt, für das Verstehen von Sprache und weit mehr: von Zusammenhängen, von Subtext, von Nicht-Gesagtem oder Zwischen-den-Zeilen-Stehendem. Denken und Sprache sind – das ist neurologisch belegt – untrennbar miteinander verbunden. Und das will gelernt und geübt sein. Dazu gehört übrigens auch die Fähigkeit, sich ganz einfach auszudrücken. Zugegebenermassen nicht so einfach

A propos – so tönt Corona-Prävention des BAG in leichter Sprache:


„Machen Sie die Hände nass.
Nehmen Sie Seife.
Flüssige Seife ist am besten.
Reiben Sie die Hände, bis es Schaum gibt.
Verteilen Sie den Schaum auf der ganzen Hand.
Auch zwischen Fingern und unter den Fingernägeln.
Spülen Sie die Hände mit Wasser gut ab.
Trocknen Sie die Hände gut.
Am besten mit einem Papier-Tuch.“

Aus der BAG-Anleitung «Informationen zum Corona-Virus» in leichter Sprache

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