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FOMO, JOMO, MOMO

von Reto Wilhelm

FOMO, überall nur FOMO. Fear of Missing Out. Aber was heisst das eigentlich? Diese Akronyme oder Abkürzungen greifen um sich, wie ein interessanter Hintergrundbericht der Coopzeitung vom 18.2.2020 zeigt. Ich lese FOMO noch in einem anderen Kontext. FOMO ist nämlich nicht nur linguistischer Zeitgeist, sondern auch ein konstituierendes Phänomen jener Medien, in denen wir uns primär bewegen. „Social Media“ heissen sie. Und da muss alles schnell und effektiv gehen, damit man bei den Leuten ist. Abkürzungen erleichtern das Leben, das Tippen. Zugleich beweist man damit, dass man den Code beherrscht. In diesem Sinne üben die Social Media, aber auch die E-Mails, auf das Individuum durchaus positive Effekte aus, im Sinne von Sozialisierung und sozialer Integration. Sie wirken euphorisierend, weil verbindend. Wir verstehen uns und wir sind auf Draht. Zugleich jedoch erhöht sich mit unserer Präsenz auf diesen Kanälen auch der Druck, auf uns als Individuen. 88 Mal am Tag konsultieren wir das Handy.

Der Antrieb: FOMO. Fear of Missing Out. FOMO wird damit zum gesellschaftlichen Leitmotiv und zur Metapher für eine Generation, die stets online ist und Angst hat, etwas zu verpassen. Das ist ungesund, wie wir alle wissen. Und dennoch können und wollen wir sie nicht missen, diese Stimulation unseres Hirns. Aber zum Glück gibt es da noch JOMO: den Gegentrend – die Joy of Missing Out. Erfunden hat dieses Phänomen sinnigerweise Google, weil es damit seine Mitarbeitenden zum bewussten Abschalten bewegen will. Handy weglegen, E-Mails nur tagsüber lesen, Entspannen ohne Apps. Achtsamkeit im klassischen Sinne: einfach nur sein, sich eine Auszeit gönnen, durchatmen auf einer Bank im Park vor dem Büro. Das euphorisiert gleichermassen: pure Freude. JOMO eben.

Im Zusammenhang mit JOMO – dieses Wortspiel sei mir erlaubt – plädiere ich dafür, dass wir uns an MOMO orientieren. MOMO ist jedoch keine Abkürzung, sondern die Hauptfigur in Michael Endes gleichnamigem Buch, diesem 1973 erschienenen Bestseller, der bislang weltweit über 7 Millionen Mal verkauft und mehrfach verfilmt wurde. Eigentlich als Kinderbuch gedacht, hat das Werk nicht nur Kids, sondern unzählige Generationen allen Alters geprägt. Und sinnigerweise kümmert sich MOMO um Fragen der Zeit bzw. des Zeitverlusts. Von grauen Herren und Zeitdieben ist da die Rede. MOMO legt den Herren von der Zeitersparniskasse das Handwerk, indem sie ihre Gabe, das gute Zuhören, kultiviert und damit den Menschen zum Glück verhilft. JOMO pur, die Joy of Missing Out, könnte man sagen: das Sich-Fokussieren auf das Wesentliche. Sehr symbolträchtig – und je genauer man hinschaut, desto aktueller erscheint einem das Werk. Höchste Zeit also: für eine erneute Lektüre von MOMO gegen FOMO für totale JOMO.

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