Blog

Gegen die Kurzatmigkeit

von Reto Wilhelm

Der Tourismus ist ein Geschäft, das vom Hier und Jetzt lebt. Ein Geschäft, das kaum mehr planbar ist, ein Geschäft auch, in dem die Margen schmelzen wie der Schnee und die Gletscher an der Sonne. Nun kam – einmal mehr – eine Krise dazu. Und was für eine: eine gewaltige Welle. Die einen sprechen von einem Tsunami, (was in meinen Augen eher eine respektlose Metapher ist), andere von einem Schock. Und Dritte würden es wohl eher als Erosion beschreiben wollen.

Krise inmitten der Krise

COVID-19 und die damit einhergehende Pandemie sind also nicht ein radikaler Bruch, sondern ein weiteres Symptom eines schleichenden Prozesses, der an dieser Branche seit längerem nagt. Daniel Imwinkelreid beschreibt in seinem klugen Kommentar in der NZZ vom Samstag, 13. Juni 2020, die Stimmungslage einer Branche, die per se gar keine ist, sondern eine zersplittertes und fein ziseliertes Universum von Teilbranchen und Partikularinteressen, sehr klug und sehr anschaulich. Er zeigt auf, wie der Tourismus von Krise zu Krise hächelt. Wie er sich wehrt, jetzt zum Beispiel, wo das Sommergeschäft zu retten ist. Und dies zum Glück – gerade für die gebeutelte Hotellerie, die Bergbahnen, die Outdoor-Anbieter – gelingt. Die Schweizer Berge werden aktuell gerade erobert, die Einheimischen haben den Appell verstanden und buchen solidarisch ihre Ferien in hiesigen Landen.

Aber die zugrundeliegende, subkutane Krise, die geht ob der Oberflächenerscheinungen vergessen. Diese strukturelle Krise ist jedoch das Problem – und dies lässt sich nicht mit Pflästerli heilen. Viele Betriebe kämpfen – jeder für sich – um ihre Existenz, die Margen in diesem Geschäft sind enorm klein. Und das Massengeschäft, das bringt’s (wie man wieder mal sieht) auch nicht wirklich. Die einseitige Ausrichtung auf eine immer kürzer werdende Saison und Grossevents – in gewissen Regionen sind es gerade mal noch vier Monate, in denen der Jahresumsatz erwirtschaftet werden muss – machen das Geschäft verletzbar. Auch für die Mitarbeitenden ist dies kaum interessant, denn was tun sie in der restlichen Zeit?

Nachhaltigkeit beginnt mit Umdenken

Es wäre also an der Zeit, neue Wege zu beschreiten im Tourismus. Nachhaltigere Wege. Reisen – gerade in einer intakten Natur und Umgebung, wie sie die Schweiz bietet – sind ein Luxus. Und sollen es noch vermehrt werden. Dies hat seinen Preis. Und der darf ruhig höher sein. Vorausgesetzt, Leistung und Qualität stimmen. Bei zweiterem haben wir hierzulande sicherlich noch Luft nach oben, will mir scheinen. Auch brauchen wir neue Konzepte, sagt Imwinkelried zurecht, die für eine ganzjährige Auslastung sorgen. Schliesslich braucht’s auch ein Umdenken bei den Gästen. Statt von Station zu Station zu hasten (die Rede ist von «Europa in 10 Tagen») wären Longstay und Rundreisen («Touring» als neuer Trend) adäquate Gegenmittel.

Und so bleibt die bange Frage: Was tun wir, damit die Schweizer Gäste und viele andere auch, länger und immer wieder kommen? Und nicht nur heuer? Denn treue Gäste sind bekanntlich die wertvollsten und erst noch jene, bei denen sich kommunikativer Aufwand (sprich Investitionen in Werbung, PR und Empfehlungsmarketing) und Ertrag (im Sinne von Marge) möglichst die Waage halten. Investieren wir also in sie, in die bleibenden Werte und in die besten Botschafter.

Weiterlesen:
https://www.nzz.ch/meinung/ferien-in-der-schweiz-sommergeschaeft-wird-besser-als-befuerchtet-ld.1560597

Home Media