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GENAU oder GENAU NICHT?

von Reto Wilhelm

Das Für und Wider von Füllwörtern in unserer Sprache

Da singt der Tages-Anzeiger doch allen Ernstes ein Lob auf die Füllwörter! Das ist ein gewagtes Unterfangen, würde ich mal sagen. Nachdem man im Deutschunterricht nun jahrelang doziert hat, dass man diese Füllsel, Abschwächungspronomen, Modalverben etc. loswerden und die (geschriebene) Sprache von ihrem Ballast befreien solle, nun dieser 180-Grad-Kurswechsel. Kurz und bündig wollte man es am liebsten haben, journalistisch klar, in knappen, gereihten Hauptsätzen. Gilt das jetzt alles nicht mehr?

Merke: Stilistik ist ein weites Feld – und Sprache ist ein dynamisches Gebilde, das sich stetig weiterentwickelt. Besagter Artikel ist also durchaus lesenswert. Bedenkenswert ist er ebenso. Denn er beleuchtet die diversen Funktionen von solchen, scheinbar unnötigen und sinnentleerten Bausteinen in der deutschen Sprache. Am Beispiel von «genau» wird erörtert, ob dieser aktuell inflationär verwendete Begriff sozusagen ein Markenzeichen der Millennials sei. Vergleichbar ist dieses Versatzstück mit dem «Oder?», das früher oft an Aussagen angehängt wurde. Dass es mehr als eine sprachliche Marotte oder Modeerscheinung ist, sondern ein Code für Jugendliche, sich untereinander zu verständigen und zu signalisieren, dass man die gleiche Sprache spricht, wird im Artikel – mit einer Referenz auf die entsprechenden linguistischen Studien dazu – sehr einleuchtend illustriert. Gleiches gilt noch für andere Elemente in unserer Sprache: die sogenannten Modalpartikeln. «Ja, denn, halt, mal» et cetera, et cetera. Im gesprochenen Umfeld nehmen diese eine ganz wichtige Rolle ein. Insofern ist der abwertende Begriff der «Füllsel» nicht angemessen. Vielmehr sollte man von Heckenausdrücken sprechen. Sie schaffen Atmosphäre und Gemeinsamkeit beim Sprechen, sie dienen dem Ausdruck von Nuancen und Emotion. Und: Sie sind charakteristisch für das «Sprechdenken», für das spontane Sprechen und das Entwickeln der Gedanken beim Reden. Nebst anderem dienen sie dem Gewinnen von Zeit, dem Relativieren von Aussagen, dem Versichern von Konsens. Feinstoffliches also, was in diesen Wörtern durchdringt. Dann sind sie doch wichtig für unseren Austausch?

Ja und nein. Ja, weil sie dem Deutschen einen typischen Charakter geben (und übrigens kaum übersetzbar sind). Nein, weil die dauernden Abschwächungen auch ein Charakteristikum der aktuellen Diskurslogik sind: Politisch korrekt hat es zu sein, für alle möglichst verdaubar, ja nicht zu absolut. In diesem Sinne sind die «Füllwörter» auch ein Ausdruck des Zeitgeistes. Sie stehen für ein Bestreben, sich nicht festlegen zu müssen. Gerade im politischen und im PR-Diskurs verkommen sie – so eingesetzt – zu einer Unsitte.

Mein Empfehlung, zumindest für geschriebene Sprache, bleibt deshalb klipp und klar: Bring’s auf den Punkt! Formuliere direkt und präzis. Oder anders gesagt: Weg mit diesen Weichspülern!

Übrigens: Haben Sie mitgezählt, wie viele «Füllwörter» in diesem Text stecken? Viele. Zu viele?


Zum Weiterlesen:

Tages-Anzeiger «Ein Hoch auf die Füllwörter» (24.1.2021)


Photo by Brett Jordan on Unsplash

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