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Nudging – kleine Schubser zum Glück?

von Reto Wilhelm

In den Pissoirs des Flughafen Amsterdam-Schiphol kleben Abziehbilder von schwarzen Fliegen, denn: Mit einem Zielobjekt vor Augen trifft Mann besser. Die Massnahme ist so simpel wie wirkungsvoll. Der Putzaufwand soll damit drastisch gesunken sein (80% weniger unerwünschte Nebeneffekte!). Dieses Beispiel zeigt, was «Nudging» kann: Menschen lassen sich mit cleveren Anreizen beeinflussen und in eine gewünschte Richtung – in diesem Falle punktgenau – lenken.

Nun ist das Unterfangen des «sanften Anschiebens zum Besseren» nicht ganz unproblematisch und ethisch durchaus zu diskutieren. Denn wer weiss schon, was für andere besser ist? Die Politik? Die Parteien? Verbände und Lobbies? Die Marketing- und Kommunikationsberater*innen? Zugleich ist es verlockend, Menschen durch entsprechende Entscheidungsführung zu «klügerem» und «richtigerem» Verhalten zu verhelfen. Viele Beispiele – zum Teil sehr USA-lastig – werden in dem Buch «Nudge – Wie man bessere Entscheidungen anstösst» von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein angeführt. Es wurde 2007 verfasst und 2009 ergänzt, ist aber noch immer hochaktuell.

Die Autoren beschäftigen sich darin unter anderem mit brisanten Themen wie Einführung einer medizinischen Grundversorgung für alle (später Medicare genannt), einem klugen Sparverhalten für das Rentenalter oder der Ehe. Gerade da wird’s dann auch spannend, sprechen sich die Autoren doch dafür aus, die von Politik und Religion besetzte Ehe zu privatisieren und durch Ehen aller Art zu ersetzen: Ehen für Mann und Frau, Ehe für Paare mit Kindern, Ehen für Taucher*innen, Ehen für Motorradfans etc. Als ein für alle Bürger*innengleichermassen gültiges Substitut würde dann die eingetragene Partnerschaft treten, die allen die gleichen Rechte und Pflichten einräumt. Ein verlockender Gedanke. Aber politisch durchsetzbar?

Die Macht der Wörter und Begriffe blenden die Autoren aus. Doch Sprache beeinflusst unser Denken massgeblich. Sie ist immer ein Abbild der Gesellschaft, ein Ausdruck von Haltungen, ein Instrument im Positiven wie im Negativen. Gerade Kampagnen haben oft das Bestreben, neue Begriffe zu schaffen oder bestehende so zu besetzen, dass sie den eigenen Interessen dienen. Das ist zwar legitim, setzt aber eine hohe Reflexionsleistung bei den Entscheider*innen voraus und zugleich ein Glaube an den ehrlichen politischen Diskurs.
Im Buch werden gelungene Beispiele aufgeführt, wie die Einführung einer Krankenversicherung für alle in Schweden: Kund*innen wurden durch gezieltes Nudging im Bereich gesteuerte Auswahlmöglichkeiten, positives Vergleichen, Ausschlussverfahren (Opting out), durch Default-Lösungen (die beste vorgegebene Variante) und andere Prinzipien wie Offenlegung (Disclosure) durch die Entscheidungsfindung begleitet.

Ob Nudging letztlich verfängt und ob wir uns zum Glück anstossen lassen müssen, bleibt fraglich. Ein Nudge ist bei der Lektüre auf alle Fälle garantiert: Das Buch liefert definitiv spannende Gedankenanstösse.

Coverbild mit freundlicher Genehmigung von Ullstein Buchverlage GmbH
Bild Stadtbibliothek Stockholm by Andy Roth
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