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Reichlich Begegnung mit lauter Kommunikationspotenzial

von Werner Kälin

Der Schweizer Heimtaschutz hat Baden mit dem Wakkerpreis 2020 ausgezeichnet. Die Stadt hat trotz viel Strassenverkehr konstant in die Aufwertung ihrer Plätze investiert. In der Schweiz bewegen sich die meisten der 8,5 Millionen Menschen täglich. Verkehr ist die räumliche Fortbewegung von Personen, auch von Gütern und Nachrichten. Verkehr ist immer Begegnung. Verkehr heisst stets auch Kommunikation und – idealerweise – dialogische Atmosphäre im öffentlichen Raum.

Ortskerne stehen unter Druck

Mit ihrer Atmosphäre kämpfen derzeit viele kleine und mittlere Ortskerne in der Schweiz. Ihre Attraktivität ist auf Begegnung angewiesen. Der Strassenverkehr hat diese Begegnung stark verändert. Fahren die Menschen hauptsächlich durch einen Ortskern ohne Aufenthalt, kann das öffentliche Leben schon mal wegbrechen. Läden ziehen weg, die Erdgeschosse erzielen immer weniger Erträge, die Identifikation mit dem Ort schwächelt. Oft steht die Huhn-oder-Ei-Frage im Raum: Ziehen die Läden weg, weil es viel oder wenig Strassenverkehr hat? So oder so: Behörden, Gewerbe und Hauseigentümer fragen sich, wie sie ihr Ortszentrum wiederbeleben sollen.

Durchhaltevermögen ist gefragt

Neulich besuchte ich zu diesem Thema eine Tagung des Schweizer Raumplanungsverbands Espace Suisse. Der Baudirektor der Stadt Thun berichtete von der blauen Welle, einer Strassenbemalung, auf der Fussgänger auch in der Strassenmitte gehen können. Der Gemeinderat aus Fislisbach ist mit der stark befahrenen Pendlerstrecke mitten durchs Dorf herausgefordert. Und der Tiefbauleiter aus Kreuzlingen hat mit seinem «Boulevard» zu hohe Erwartungen geweckt. Nicht präsentiert, aber an sich erfolgreich war das Verkehrsberuhigungs- und Parkierungskonzept in Glarus. Ich durfte die Gemeinde vor einem Jahr bei der Einführung begleiten. Intensive Reaktionen in Lokalmedien, von Interessenverbänden, Beiträge auf Social Media und in Leserbriefen forderten die Behörden während eines halben Jahres aufs Äusserste. Inzwischen scheint sich der Sturm gelegt zu haben und das Konzept zu funktionieren. Die Gründe für Hürdenlauf und Misserfolge sind mannigfaltig, und selbst Erfolge sind selten wirklich zufriedenstellend. Zurückzuführen ist dies auch – aber nicht nur – auf Lücken in der Kommunikationsstrategie.

Gestaltung steht im Vordergrund

Als eine Art Geheimrezept zeichnet sich an der Tagung die «Koexistenz» ab. Sie soll in Ortskernen das Konzept der Dominanz, also die Ausrichtung auf hauptsächlich ein Verkehrsmittel, ablösen. Experten und Projektleiter stehen dabei vor lauter Fragen. Bemalt man die Strasse oder stellt man Schilder auf? Reduziert man Parkplätze oder gibt es mehr blaue Zonen? Installiert man Velobügel oder entfernt man Fussgängerstreifen? Es geht also um Signaletik, aber eigentlich um Kommunikation in einem viel breiteren Sinne. Die visuelle Gestaltung trägt zwar zweifelsohne viel zur Kommunikation bei. Doch auch die Verkehrsteilnehmer kommunizieren. Fahrzeuge zum Beispiel beeinflussen die Atmosphäre mit Grösse, Geschwindigkeit und Akustik. Auch Fussgänger sind zentral für die Belebung. Sind ihre Wege gefährlich, lang oder laut, bleiben sie als wichtiger Dialogpartner einem Ort fern.

Grosse Aufgabe mit anspruchsvollen Facetten

So logisch das Geheimrezept «Koexistenz» auch tönt, so schwierig ist es, sie zu vermitteln. Nicht unbedingt, weil die Massnahmen falsch sind, aber weil sie die einen torpedieren und sie für die anderen nicht reichen. Den einen gefällt der Schilderwald nicht, die anderen lächeln über die Begegnungszone. Hier kommt das zweite Geheimrezept auf den Plan: ausprobieren, anpassen und Zusammenhänge verdeutlichen. Viele Projekte werden als definitiv vermittelt, obwohl Verkehr immer stattfindet und immer im Wandel ist. Während des gesamten Prozeseses sollte im Auge behalten werden, dass beim Einzelnen ein wohlwollendes Bewusstsein für die anderen entsteht. Das ist nicht nur eine raumplanerische oder gestalterische, das ist eine kommunikationsintensive gesellschaftliche Aufgabe. Denn jede gute Lösung muss ausgehandelt und damit ausdiskutiert sein. Nicht immer geht es dabei friedlich und sachlich zu. Ein Muss für solche Projekte ist deshalb mindestens die Vorbereitung möglicher kritischer Fragen – von Medien, Interessenverbänden, Bürger*innen – und der Antworten. Dadurch versetzen sich die Verantwortlichen in die Lage der anderen: das A und O im Verkehr, übrigens.

Abzweiger ins Web

Wakkerpreis 2020 für Baden

Tagung «Lebendiger Ortskern trotz oder dank Verkehrsachse»

Raum & Umwelt, November 5/2016:
https://www.espacesuisse.ch/de/publikationen/raum-umwelt

«Blaue Welle» in Thun

«Boulevard» in Kreuzlingen

Verkehrssicherheit in Fislisbach

Parkierungskonzept Gemeinde Glarushttps://www.gemeinde.glarus.ch/ansprechpartner/finanzen-und-controlling/parkraumbewirtschaftung/parkieren.html/3532/l/de

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