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Sinn als unsinniges Buzzword

von Reto Wilhelm

Foto: Für die Grösse der Sinnesfrage hat schon Sigmund Freud unterschrieben …

Alle suchen nach dem Sinn: nach dem Sinn des Lebens, dem Sinn bei der Arbeit, einer sinnhaften Nebenbeschäftigung. Sinnvoll? Nun ja, der Artikel «Die Frage nach dem höheren Sinn des Sinns ist Unsinn» in der Neuen Zürcher Zeitung NZZ zeigt: Je mehr von Sinn gesprochen und geschrieben wird, desto mehr geht er verloren. Im Zeitalter der sogenannten Bullshit-Jobs scheint er nicht mehr per se gegeben. Und so setzen Unternehmer, die sich zur Sinngebung berufen fühlen, den Purpose (der höhere Zweck eines Unternehmens) ins Zentrum des eigenen Wirkens – und der eigenen Selbstvermarktung. Ganz nach dem Motto: Die guten Unternehmen/Unternehmer sind jene, die Sinn machen.

Nur ein Marketingtrick?

Böse Zungen behaupten, dass hinter der glückverheissenden Sinnstiftung häufig nur knallhart-kommerzielle Absichten stecken. Dass diese krampfhafte Suche und Verbreitung von Purpose schon fast einer Religion gleichkommt, ist nicht zufällig. Denn Sinnsuche hat immer dann eine Chance, wenn der tiefere Sinn des eigenen Tuns abhanden zu kommen droht. Das Zauberwort Purpose verkommt so mehr und mehr zu einer Marketing-Formel, zu einem geschickten Verkaufen von unternehmerischem Handeln, das in Tat und Wahrheit oft alles andere als wertebasiert ist.

Diese übergeordnete Sinn-Propagierung von Unternehmen hat etwas Bevormundendes. Zugleich trifft sie den Zeitgeist, sind die heutigen Mitarbeitenden doch nicht selten selbst auf Sinnsuche. Arbeiten soll heute einem höheren Zweck dienen. Der Faktor Arbeit per se ist nicht mehr einfach erfüllend. Wir alle sind anspruchsvoller geworden. Das ist an sich gar nicht schlecht – denn die Reflexion des eigenen Tuns und Handelns, beruflich wie privat, ist ja durchaus sinn- und wertvoll.

Gelebte Werte

Oft werden Unternehmenswerte einmal – und damit ein für alle Mal – festgelegt. Im Leitbild oder auf der Website stehen sie dann und machen im besten Fall einen guten Eindruck, mehr nicht. Ob die Mitarbeitenden die Werte kennen, geschweige denn mitprägen und mittragen, scheint dabei sekundär.

Um dem entgegenzuwirken, hat unsere Agentur vor kurzem ihre Werte unter die Lupe genommen. Im Team haben wir uns gefragt, welche Werte wir als Agentur verkörpern wollen und wie wir diese auf das Handeln des Einzelnen herunterbrechen können. Dies ergab ein vielfältiges, sinnstiftendes Panoptikum, aus dem auf einer höheren Ebene eine Kultur und damit ein Gemeinsinn im Unternehmen entstehen kann. Einfach gesagt: Der tiefere Sinn steckt gewissermassen in der Summe von sinnstiftenden Handlungen Einzelner. Denn Purpose kann man nicht von oben verordnen, sondern muss man gestalten – gemeinsam.

Eine tiefsinnige Betrachtung von Reinhard K. Sprenger:
Die Frage nach dem höheren Sinn des Sinns ist Unsinn.

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