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Typisch Mensch?!

von Anina Rether

Im Januar fand am Gottlieb Duttweiler Institut in Rüschlikon ein Abend mit zwei hochkarätigen Referenten statt. Das Thema: Ehrlichkeit und Verhalten in der digitalen Welt. Etwas, das uns alle angeht. Entsprechend voll war der Saal.

Düstere Prognosen …

Die technische Entwicklung legt ein Tempo vor, bei dem die Wenigsten noch mitkommen. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Algorithmen überall. Je intelligenter die Maschinen werden, desto mehr drängt sich die Frage auf: Wie sehr unterscheiden sie sich noch von uns?

Der Zürcher Neuropsychologe Lutz Jäncke, 62, konstatiert: immer weniger. Dem Einwand, dass Maschinen keine Gefühle entwickeln können, entgegnet er: Gefühle sind bloss Bewusstseinsphänomene, die von KI in Zukunft imitiert werden können. Und was ist mit dem Kern, der unsere Welt im Innersten zusammenhält – der Seele? Gemäss dem Naturwissenschaftler eine Spekulation.

Seine Prognose: «In Zukunft werden wir Mensch und Maschine nicht mehr auseinanderhalten können.» Unsere Kommunikation habe über 70 000 Jahre lang darauf aufgebaut, dass wir die Emotionen und Verhaltensweisen unseres Gegenübers deuten können und entsprechend reagieren, erklärt der Hirnforscher. Doch was macht es mit uns, wenn wir in Zukunft interagieren mit Robotern, die menschliche Züge und Reaktionen aufweisen? Wenn unsere scheinbar einzigartigen Fähigkeiten mühelos imitiert werden? «Das alles wird unser Selbstverständnis als menschliches Wesen gehörig ins Wanken bringen».

… doch es gibt Hoffnung

Auch Michel Maréchal untersucht das menschliche Verhalten in digitalen Zeiten. Vor kurzem veröffentlichte der Verhaltensökonom eine weltweit beachtete Studie zum Thema Ehrlichkeit: In 355 Städten aus über 40 Ländern wurden mehr als 17 000 «verlorene» Portemonnaies beim Empfang von Hotels, Museen oder Polizeiposten abgegeben. Anschliessend wurde die Ehrlichkeit der Empfänger ausgewertet: Kontaktierten sie die Eigentümer, um die Brieftaschen zurückzugeben?

«Wir wollten untersuchen, wie stark der finanzielle Anreiz zum Stehlen die Ehrlichkeit untergräbt», sagt Maréchal. «Dazu haben wir den Geldbetrag in den Brieftaschen variiert. Die Resultate sind völlig überraschend. Sie zeigen, dass sich Leute ehrlicher verhalten, je mehr Geld sich in der Brieftasche befindet.»

Echt jetzt? Wer hätte das gedacht. Die Erklärung dafür ist so simpel wie tröstlich: Wir Menschen sind altruistisch veranlagt, haben also einen Gemeinsinn und verspüren Mitleid mit unseren Mitmenschen. Zudem streben wir nach einem ehrlichen Selbstbild und möchten von anderen als ehrliche Personen wahrgenommen werden. Wenn sich also die Maschinen in Zukunft auch unsere menschlichsten Eigenschaften aneignen, wird Mitleid und Gemeinsinn auch dazu gehören. Irgendwie tröstlich.

GDI-Web
Prof. Dr. Lutz Jäncke / Uni Zürich
Prof. Michel Maréchal / Uni Zürich

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