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User-generated Content: der Aufwand dahinter

von Werner Kälin

Von Facebook, Instagram oder Kommentarfunktionen in Online-Medien sind wir ihn uns gewöhnt – von Leserbriefen sowieso: User-generated Content oder, auf Deutsch, von Mediennutzern generierte Inhalte. Beim Umgang damit stecken wir aber oft noch in den Kinderschuhen. Während zum Beispiel Kommentare auf Facebook-Posts mit politischen oder gesellschaftlichen Themen in die absolute Anstandslosigkeit abdriften, hängt Instagram-Bildern mit ihrer Flut an Hashtags dem Ruf der Oberflächlichkeit und Schleichwerbung nach. Wie sich diese Medien in Zukunft entwickeln, werden wir sehen. User-generated Content zeigt sich im Web aber auch anders. Für den Kanton Glarus lerne ich gerade mehrere Communities kennen.

Eine davon heisst Glarner Agenda. Sie ist nicht mehr und nicht weniger als ein Sammelbecken für Daten, die von den einen eingespielt und von den anderen bezogen werden – und umgekehrt. Veranstalter, Unternehmen, Organisationen, Anbieter und Privatpersonen können Events, Mitteilungen oder Angebote publizieren. Die Glarner Agenda ist werbefrei und kostenlos, finanziert wird sie vom Kantonsmarketing. Sie bekannt zu machen, die Community aufzubauen, ist nicht ganz einfach – eine Plakatkampagne allein genügt nicht. Einerseits, weil Publizieren Aufwand für die User bedeutet: online registrieren, Text- und Bildmaterial zusammenstellen, vielleicht ein Video produzieren, den Eintrag erfassen, mit der Technik zurechtkommen und dann noch den Link darauf verbreiten. Dieser Aufwand ist nicht immer im Fokus der oft freiwilligen Arbeit, zum Beispiel im Verein. Schliesslich kommen die Besucher ja sowieso an die Chilbi – und überhaupt ist die Chilbi wetterabhängig. Genau die Chilbi – alle Chilbis – gehören aber in die Glarner Agenda. Dadurch wird die Plattform zur verlässlichen Quelle für Informationen über Veranstaltungen und die Community wächst. Andererseits ist eine hohe Besucherzahl auf der Website eine Motivation, den Publikationsaufwand allererst auf sich zu nehmen. Diese Haltung stammt aus Zeiten der bezahlten Werbung. Geworben wird dort, wo die Reichweite stimmt. Die begrenzte Reichweite einer kostenlosen und werbefreien Community-Plattform wird aber in erster Linie vom User-generated Content bestimmt – quantitativ, also vollständig, und qualitativ, also relevant.

Ein anderes Beispiel ist die Website des Vereins Kulturerbe 2018. Darauf können kulturelle Akteure im europäischen Kulturerbejahr ihre Veranstaltungen publizieren und in den Zusammenhang mit dem Kulturerbe stellen. Was zu diesem Kulturerbe zählt – also was schlussendlich auf die Plattform passt – darüber wird auch diskutiert, zum Beispiel im Schweizer Radio und Fernsehen. Sind es denkmalgeschützte Gebäude wie die alte Stadtschule in Glarus mit der heutigen Glarner Landesbibliothek? Sind es lebendige Traditionen wie die Erinnerungskultur um Anna Göldi? Sind es Veranstaltungen wie Chilbis oder Openairs – und wie ist es mit der Fasnacht? Nicht ganz unaufwändig für ein Kuratorium, wenn bei einem analogen Kontakt mit dem User im operativen Prozess darüber diskutiert werden muss. Schliesslich sorgen die User – die Publisher – ja auch für Leser und dadurch für den Aufbau der Community.

Inhaltlich auch Kulturerbe, technisch aber anders baut der Verein Bankkultur seine Community auf. Auf einer digitalen Landkarte lässt der Verein Bänkli in der ganzen Schweiz dokumentieren. Die Bänkli laden die User mit einem kostenlosen Login selber hoch. Die digitale Landkarte ist derzeit eine Website mit dem Namen Bankgeheimnisse. Sie funktioniert, hat aber ihre haptischen Tücken. Diese sollen später mit entsprechenden Finanzierungszusagen für eine App ausgemerzt werden. Jede und jeder kann Bänkli fotografieren, hochladen, klassifizieren und kommentieren. Die Krux liegt nicht selten bei der GPS-Einstellung der Kamera: Ist das GPS genau? Steht das Bänkli auch dort, wo ich es fotografiere, also wo das GPS meinen Standort findet? Habe ich Netz? Kann ich auch Bänkli von Kollegen hochladen, die kein eigenes Login haben, ohne zu wissen wo das Bänkli genau steht? Darf ein Bänkli gezeigt werden, auf dem ein Firmenlogo angebracht ist?

Persönlich bin ich nach anfänglicher Skepsis, verbunden mit einigen Fluchausbrüchen vor dem Computer, inzwischen von allen drei Communities begeistert. Die Begeisterung schlägt sich nicht selten in viel Aufwand nieder. Allen ist gemein, dass sie ohne Kuratorium nicht auskommen. Denn ohne Kuratorium kann sich die Qualität nicht in jene Richtung entwickeln, die es für den Aufbau der Community braucht. Diese Aufgabe ähnelt einem Seiltanz, weil es eben ein Kuratorium und keine Zensur ist. Zensur würde bedeuten, dass die Nutzer mit der Zeit keine Inhalte mehr generieren – der Untergang der Community also. Gleichzeitig ist der konsumierende Teil der Community anspruchsvoll. Sind die Fotos ansprechend? Ist der Veranstaltungskalender vollständig? Sind die Einträge gut und verständlich geschrieben? Lässt es ich einfach auf der Bänkli-Landkarte navigieren? Wie sehe ich nur Kulturerbe-Einträge in meiner Umgebung? Und das sind eher die einfacheren Fragestellungen.

Mein Fazit: User-generated Content ist cool, weil alle Publisher sein können und sich Communities digital aufbauen, deren Mitglieder sich auch an analog – zum Beispiel auf einem Bänkli an der Dorfchilbi – begegnen. User-generated Content bedeutet nicht, dass sich ein Medium von selbst produziert. Und der Community-Gedanke hört nicht da auf, wo etwas digital erfasst ist – dort fängt er erst richtig an. Dahinter stecken immer Menschen, die Aufwand betreiben. Die User mit ihren Einträgen, das Kuratorium mit seinem Seiltanz, der Betreiber mit seinen Vorinvestitionen oder den Finanzierungsanstrengungen und die Mitglieder der Community, welche die Plattform analog weiterempfehlen. Viel Spass also – denn der Spass lohnt sich. Glauben Sie mir!

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