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Wahrheitsgetreu? Neue Wege im Vermarkten einer Tourismusdestination

von Christian Schoch

Tourismusmarketing kann in verschiedensten Arten erfolgen: echt, kitschig, übertrieben oder eben wahrheitsgetreu und ohne Schnick-Schnack. Letzteres hat sich die drittgrösste Stadt Österreichs auf die Fahnen geschrieben. Und wortwörtlich umgesetzt: Ein Youtube-Film zeigt das ungeschminkte Linz. Daraus ist nun sogar ein Konflikt zwischen Leistungsträgern, Destinationsmarketing und Bürgermeister entbrannt, und es wurde eigens eine Podiumsdiskussion an der Universität Linz ins Leben gerufen. Linz ist Linz. Und das ist gut so – ist man versucht zu sagen.

Mit «Linz ist out» und «Linz ist eintönig» wirbt die Stadt an der Donau um ihre Gäste. Ein rund 3-minütiger Image-Film schlachtet Vorurteile aus und bringt es auf den Punkt – denn Linz ist gemäss Darstellung im Werbefilm nicht nur pittoresk und wunderschön, sondern auch ein wenig rassistisch und grauslich. Ist dies der richtige Weg, den Tourismus anzukurbeln? Ist das nun lustig oder einfach billige PR? Das fragt sich die Welt, noch mehr die Marketingwelt. Und besonders ich, der noch zur Hälfte österreichisches Blut in mir trage.

Immer mit einem gewissen Augenzwinkern betrachtet, scheint die Stadt eher öde zu sein. Aber Hand aufs Herz: Geht es uns beim Reisen nicht öfters so – wenn man vom Flughafen durch eher uncharmante, öde Industrieviertel in eine Stadt fährt. Oder zu Fuss durch Quartiere stapft, wo man sich bisweilen fragt, was an diesen Ansammlungen von Graffiti und Sechziger-Jahren-Bauten in gewissen Vororten und Quartieren so schön sein soll, auch wenn die kleine-romantische Altstadt dann zum UNESCO Welterbe zählt. Von den langweiligen Beizen mit Plastikstühlen und ewig gleichen Sonnenschirmen mit wenig inspirierten Menukarten ganz zu schweigen.

Auf einen zweiten Blick jedoch, der in besagtem Film auch bespielt wird, scheint Linz dennoch Charme zu haben. Einfach auf seine authentische Weise. Ein City-Trip nach Linz scheint total entspannt zu sein – so die Message: Denn es gibt dort nichts zu sehen und doch viel zu erleben. Und so werde ich bei meinem nächsten Österreich-Besuch sicherlich einen Augenschein von dieser sogenannt «langweiligen» Stadt nehmen.

Doch dass eine solche Werbekampagne zu Unstimmigkeiten führt, liegt auf der Hand. Eine Tourismusorganisation, die mehrheitlich durch Leistungsträger und den Staat finanziert ist, hat immer die Herausforderung, es allen recht zu machen. Mit diesem Dilemma ist Linz längst nicht allein. Tourismusdestinationen weibeln gerade jetzt um Gäste und setzen vermehrt ausgefallenere Massnahmen ein, um Aufmerksamkeit zu generieren. Ein weiteres Paradebeispiel dazu: Visit Faroe Islands. Mein Fazit als Marketingfachmann und Reise-Afficionado: Mut zahlt sich aus. Denn es gibt nichts Langweiligeres als Einheitsbrei – nicht nur im Tourismusmarketing.

Live Walking-Tour auf den Färöischen Inseln. Jeweils um 18 Uhr startete die Tour, jeder Teilnehmende durfte für eine Minute lange einen echten Menschen steuern, der – mit einer Kamera montiert – durch die Strassen der Insel lief. Top!

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