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Weisch no…

von Reto Wilhelm

Damals, auf dem Gunung Bromo… Wo es dampfte und stank wie in der Hölle. Da haben wir unsere Frühstückseier gekocht – in der heissen Vulkanerde Javas. Dort, wo ich immer hinwollte, schon als kleiner Bub. Oder weisch no, als uns die erste Elefantenherde – laut trompetend und mit ihren Ohren wedelnd – über den Weg lief. Genauer mitten in den Weg und um unseren Safarijeep. 30 graue Dickhäuter, damals in Botswana, vor über 12 Jahren, im Chobe National Park. Und erinnerst Du Dich noch, als Du bei Sonnenaufgang über den Pagoden von Bagan schwebtest, unter uns die Hähne im Nebel, die krähten, die Menschen, die ihre Feuerchen entfachten und darauf ihre Maiskolben rösteten – damals im 2001, wo noch kaum jemand nach Burma fuhr. Schon gar nicht mit dem Heissluftballon.

Diese Momente vergisst man nie. Diese Eindrücke kann dir niemand mehr nehmen. So hiess es jeweils in der Werbung. Ferien, in denen man alles vergisst, nur das nicht! Und jetzt ist es auch neurophysiologisch bewiesen, dass Reisen nicht nur bildet, sondern sich einbrennt. In die Hirnrinde nämlich, in unser Gedächtnis. Die kürzlich publizierte Studie von GfK und Swiss International Airlines (Juli 2018) belegt nämlich: Reisen verändert die Persönlichkeit. So wollen 87,5 Prozent der verreisten (und befragten) Schweizerinnen und Schweizer ihre schönsten Reisemomente nochmals erleben können. Vor allem bei der Arbeit und im Alltag sind Reiseerlebnisse schöne Gedankenpausen – jeder Dritte träumt bei der Fahrt zur Arbeit oder wenn’s hektisch ist am Pult von herrlichen Zeiten in den Ferien. Beliebt sind Reiseerinnerungen auch als Einschlaf- und Aufwach-Hilfen. Und solche Gedankenausflüge sind nachhaltig, sagt die Studie. Auch Monate nach der Reise erinnern sich die Menschen (gut 70%) an grandiose Augenblicke.  Was besonders hängen bleibt über Jahre und Jahrzehnte, das sind magische Bilder, Eindrücke, die man kaum beschreiben kann und die man einfach gesehen haben muss – knapp 70% sprechen vor allem von inneren Bildern, die sie aufrufen können, wenn sie an eine bestimmte Reise zurückdenken. Ebenso wichtig sind Begegnungen mit Menschen (rund die Hälfte vergisst diese nicht mehr) sowie feines Essen (43,9%). Erinnerungen sind auch immer auf mehreren Kanälen abgespeichert, das heisst: Wir sehen ein inneres Bild, hören Töne, erinnern uns haargenau an den Duft, der in der Luft lag, ans Licht. Was erstaunt: Es sind nicht die Sehenswürdigkeiten – also die klassischen Eiffeltürme, Ponte Vecchios oder Big Bens dieser Welt -, die man sich besonders gern in Erinnerung ruft (das tut lediglich ein Viertel der Befragten). Vielmehr sind es Naturphänomene, Landschaften (70,7%) – und Reisen mit Freunden und Familie (48,3%). Das ist ein interessantes Phänomen, das wir Tourismusmarketingfachleute und Storyteller hinter die Ohren schreiben müssen – nicht die Bucketlist ist es, die wir promoten müssen, sondern das Ausserordentliche, das Kleine-Feine, das Natürliche, die Menschen auch, durch deren Augen man Destinationen ganz anders und neu entdeckt. Momente eben. AirBnB macht’s eindrücklich vor mit seinem Erlebnismarketing. Instagram ebenso: Stories statt Worte.

Überraschend übrigens: Gut die Hälfte der Menschen übrigens traut der eigenen Erinnerung nicht – und schiesst deshalb mit Handy und Kamera Unmengen von Bildern. Das kenne ich: Berge davon habe ich zuhause und auf meinem Computer unterdessen. Anschauen? Einordnen? Durchblättern? Kaum. Wenn ich dann pensioniert bin… Interessant ist auch, dass man primär das Schöne zu speichern scheint. Die weniger erfreulichen Seiten des Reisens, das Warten am Schalter, der verpasste Flug, das überbuchte Hotel, das verblasst in der Erinnerung. Und nicht erwähnt werden in der Berichterstattung über die Studie – das mag durchaus auch mit den Auftraggebern zusammenhängen – auch die Schattenseiten des Reisens: die Abfallberge, die Slums entlang der Flughafenstrasse, die Plastikberge im Meer. Das tönt unlogisch, paradox auch, aber wohl menschlich auch. Denn Ferien sind offenbar kodiert als «schöne Auszeit».

Womit ich wieder bei einer unvergesslichen Begegnung gelandet bin, die ich 1999 in Burma hatte: Da fragte mich die Reiseführerin – sie sprach perfektes Deutsch -, wieso wir Europäer so krampfhaft den Ferien hinterherrennen würden. Sie verstünde gar nicht, was der Begriff «Ferien» bedeute. Sie als Buddhistin kenne diesen jedenfalls nicht. Denn das sei in ihren Augen doch ein sehr seltsames Konstrukt: Man rackere sich 48 Wochen im Jahre ab und vergesse vor lauter Arbeiten das Geniessen. Und in den 4 freien Wochen dann, da müsse alles Gold sein, was glänze. Wunderbar, einmalig, umwerfend. Sie hatte irgendwie recht. Jedenfalls vergesse ich diese Diskussion nie mehr. Und mache seither ein Spürchen bewusster Ferien, auch im Alltag.

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