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Bildschirm versus Buch? Nein: Bildschirm UND Buch!

von Erika Suter

Das papierlose Büro. E-Reader statt Buch. Online-Magazin statt gedruckte Kundenzeitschrift. News-App anstelle von Tageszeitung. Es scheint eine beschlossene Sache: Papier hat ausgedient. Und das ist auch gut so, weil es ressourcenschonend, unkomplizierter und leichter ist.

Aber Halt: Ganz so schnell sollten wir das Medium nicht aussortieren. Papier ist schliesslich geduldig. Während ich Papierstapel und Schränke voller Ordner nicht ausstehen kann und somit Sinn und Zweck des papierlosen Büros voll und ganz unterschreibe, bin ich beim papierlosen Lesen – insbesondere in Bezug auf Bücher – weitaus skeptischer. Ja, Sie ahnen es: Ich bin (knapp) kein Digital Native.

Lesen auf dem Bildschirm: Pfui?!

Aber von meinen persönlichen Vorlieben mal ganz abgesehen: Es gibt diverse Studien, die beweisen, dass Lesen auf Papier unser Hirn anders beansprucht als Lesen auf dem Bildschirm: «Wenn wir auf dem Bildschirm lesen, wird unser Textverständnis schlechter», sagt beispielsweise die renommierte Bildungsforscherin Anne Mangen von der Universität Stavanger in Norwegen. Im Januar 2019 stellte die Professorin mit ihrem Team eine Metaanalyse vor: eine vergleichende Studie von 56 Untersuchungen aus 30 Ländern mit insgesamt 170’000 Testpersonen. Ihr Resultat: Wir können uns den Inhalt von Informationstexten eindeutig besser merken, wenn wir ihn auf Papier lesen. Offenbar lesen wir am Bildschirm eher schnell und oberflächlich und setzen uns somit nicht vertieft mit den Textinhalten auseinander. Die gute Nachricht: Bei erzählenden Texten wie Romanen konnte kein Unterschied festgestellt werden. Immerhin.

Digitales Lesen will gelernt sein

Im Anschluss an die Metastudie wurde die so genannte Stavanger-Erklärung verfasst und von 130 Expertinnen und Experten aus vielfältigen Disziplinen unterzeichnet. Gemäss der Erklärung kann und sollte man Lesen am Bildschirm lernen – und auch lehren. Damit das gelingt, müsse man Schülerinnen und Schülern Strategien für das digitale Lesen an die Hand geben. Ausserdem sollten digitale Technologien im Bildungsbereich besser eingeführt werden, heisst es in den Empfehlungen.
Den Vorwurf, die Forscherinnen und Forscher wollten bloss den unvermeidlichen Fortschritt aufhalten, liessen diese nicht gelten. Die Experten forderten lediglich, dass der Einsatz digitaler Technologien beim Lesenlernen von sorgsam entwickelten digitalen Lerntools und Lerntechnologien begleitet wird. Andernfalls könne dies die Entwicklung des kindlichen Leseverständnisses und des kritischen Denkens verzögern. So fasste es Fridtjof Küchemann Ende Januar in seiner Zwischenbilanz über die Stavanger-Erklärung in der Frankfurter Allgemeine zusammen.

Die Lesekompetenz nimmt ab

Die Ergebnisse der neusten Pisa-Studie, die Ende letzten Jahres veröffentlicht wurden, sind Öl im Feuer der Stavanger-Erklärung: Die Lesekompetenz der Schweizer Schülerinnen und Schüler hat sich in den letzten drei Jahren verschlechtert. Zwar liegt die Schweiz mit 484 Punkten nur knapp unter dem OECD-Mittelwert, doch Kanada, Finnland, Deutschland, Belgien oder auch Frankreich schneiden statistisch signifikant besser ab.

Analog und digital!

Digitalen Tools die Schuld für fehlende Lesekompetenz zuzuweisen, greift hier sicher zu kurz. Doch die Empfehlungen der Stavanger-Erklärung könnten dabei helfen, diese Kompetenzen wieder zu verbessern: «Das Lesen gedruckter Bücher und Texte soll an Schulen weiterhin praktiziert werden», heisst es da nämlich unter anderem. Aber auch: «Es braucht digitale Tools, welche die Erkenntnisse der Forschung miteinbeziehen.» Was Kinder und Jugendliche also benötigen, sind analoge genauso wie digitale Lesekompetenzen. Die Bildungsverantwortlichen, Lehrpersonen und Eltern sind gefordert.

Ich für meinen Teil möchte mir darum wieder bewusster Zeit nehmen, um meinen kleinen Kindern jeden Abend ein Gute-Nacht-Büechli vorzulesen. Das iPad bedienen, das können sie nämlich bereits …

Weiterführende Artikel:

SRF «Digitales Lesen müssen wir zuerst lernen»
NZZ Neue Pisa-Studie: Lesekompetenz der Schweizer Schüler sinkt

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