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Ws sll dnn ds? Ds knn j knr lsn!*

von Erika Suter

Oder doch? Konnten Sie die zwei Sätze lesen? Immer wieder tauchen solche und ähnliche Textspielereien auf, die vermuten lassen, dass wir auf korrekte Rechtschreibung – oder wie im obigen Fall: auf Vokale – komplett verzichten und dennoch problemlos alles lesen und verstehen könnten. Textbeispiele, die behaupten, dass wir uns alle beim Schreiben gar nicht so anstrengen müssen. Drn glbn S ncht?** Ich auch nicht so wirklich, ehrlich gesagt.

Zugegeben: Einige Beispiele aus dem Beobachter-Text «In der Krz liegt die Wrz» (Ausgabe 5/2019), der zu diesen Gedanken angeregt hat, funktionieren ganz gut. Wenn auf einem in New York erworbenen T-Shirt die Aufschrift «MNHTTN» oder «BRKLN» gedruckt steht, erschliesst sich uns die Bedeutung mühelos.

Recht weitherum bekannt ist das folgende Beispiel eines «Buchstabensalats»: «Afugrnud enier Sduite an enier Elingshcen Unvirestiät ist es eagl, in wlehcer Rienhnelfoge die Bcuhtsbaen in eniem Wrot sethen, das enizg wcihitge dbaei ist, dsas der estre und lzete Bcuhtsbae am rcihgiten Paltz snid. {…}»

Schon richtig: Einigermassen geübte Leserinnen und Leser lesen diesen Text ohne grosses Holpern. Weil wir eben, wie im obigen Beispiel dann später erklärt wird, nicht jeden Buchstaben einzeln, sondern das Wort als Gesamtes erkennen. Diese Tatsache sollte aber weniger als Argument dafür dienen, dass Rechtschreibung überflüssig ist, sondern vielmehr als Beweis für die erstaunliche Leistung unseres Gehirns: Das ist nämlich in der Lage, sich auch bei durcheinandergewürfelten Buchstaben an die eigentlich gemeinten Wörter zu erinnern.

Und genau hier liegt auch die Krux: Erinnern können wir uns nur an Wörter, die wir bereits kennen. Somit funktioniert diese Spielerei eben nur mit uns bekannten und gebräuchlichen Wörtern. In Fachtexten, bei komplizierten Wortzusammensetzungen oder Wortkreationen – wie sie im Deutschen ja doch ab und an vorkommen – funktioniert das Durcheinanderwürfeln sehr rasch nicht mehr. Oder können Sie Kftraahfruzeg-Hfatfptchisevrchiunerg*** noch problemlos lesen?

Und was die fehlenden Vokale angeht: Das funktioniert erst recht nur, wenn wie im erwähnten T-Shirt-Beispiel der genaue Zusammenhang bekannt ist. Ganz Sätze ohne Selbstlaute und ohne Kontext werden komplett unverständlich: Dr Szlsms rlbt grd n Rnssnc****. Na? Irgendwelche Vorschläge?

Also sparen wir nicht bei den Vokalen und lassen wir die Buchstaben dort, wo sie hingehören. Korrekte Rechtschreibung ist wichtig. Die Mühe lohnt sich, denn nur so wissen wir alle unmissverständlich, wovon wir reden – oder besser: was wir lesen.

*Was soll denn das? Das kann ja keiner lesen!
**Daran glauben Sie nicht
***Kraftfahrzeug-Haftpflichtversicherung
**** Der Sozialismus erlebt gerade eine Renaissance (Titel eines Artikels auf nzz.ch, 5.4.2019)

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