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Lass die Sonne rein! Geschichten gegen den Hüttenkoller

von Luzia Schoeck

«Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, geh’n wir …» – tja, wohin denn nun? Freunde des schwarzen Humors wissen wohl, welche Aktivität der liebevoll scharfzüngige Kabarettist Georg Kreisler an dieser Stelle für den frühlingsbeschwingten Parkbesuch vorschlägt (alle anderen erfahren es hier). Allerdings sind wir derzeit ja leider nach wie vor dazu angehalten, unsere Ausflüge nach draussen trotz des herrlichen Wetters auf ein Minimum zu reduzieren. Doch zum Glück bedeutet das nicht, dass wir deshalb ganz aufs Reisen verzichten müssen: Das kulturelle Wesen Mensch hat im Laufe der Jahrtausende nämlich ein paar nützliche Hilfsmittel entwickelt, um sich ungehindert durch Raum und Zeit zu bewegen – und das ganz bequem von zuhause aus.

Reisen beginnt im Kopf

Vom Urvater der abendländischen Literatur Homer und seiner «Odyssee», Chaucers «Canterbury Tales» oder dem wohl erzählfreudigsten Wandteppich der Welt, der «Bayeux Tapestry», über J. K. Rowlings «Harry Potter»-Serie bis hin zu den (bewegten) Bildergeschichten auf TikTok, Instagram & Co.: mithilfe des guten alten Storytellings lassen sich die Grenzen der Zeit, Realität und Geografie problemlos überwinden. Gemäss einem kürzlich in der NZZ erschienenen Interview mit dem Kulturphilosophen Robert Harrison zu Boccaccios «Decamerone» stärken Geschichten zudem das Immunsystem und sind so gerade dieser Tage das perfekte Antidot. Das Gute dabei: Geschichten funktionieren in jedem Medium.

Packt uns also der Hüttenkoller oder die Sehnsucht nach der grossen weiten Welt, so nehmen wir einfach ein Buch zur Hand (ich reise gerade mit Wenedikt Jerofejew nach Petuschki, und ihr so?), strecken unsere Homeoffice-müden Seelen auf unserem Lieblings-Klangteppich aus, tauchen in fremde Filmwelten ein (derzeit gratis zugänglich: die Archivperlen von artfilm.ch), wir besuchen Museen, Opern oder das Theater (das geht momentan auch virtuell, imfall, zum Beispiel auf einer Online-Tour durch den Louvre, dank «National Theatre at Home» oder dem Online-Spielplan des Opernhaus Zürich) – und, schwuppdiwupp, erweitern wir unseren Horizont um Erfahrungen, die uns die Realität – Corona hin oder her – bisweilen verweigert.

Kannst Du nicht in die Welt hinaus, kommt die Welt zu Dir

Bei Panta Rhei gehört es zu unseren täglichen Aufgaben, in Wort, Bild und Ton Welten zu erschaffen oder diese für andere fass- und erlebbar zu machen: informieren, unterhalten, inspirieren lautet die Devise. Insbesondere Inspiration können wir in diesen seltsamen Zeiten eingeschränkter Bewegungsfreiheit gut gebrauchen. Internet sei Dank erhalten wir diese auch daheim und auf verschiedensten Kanälen: GaultMillau-Köche und touristische Erlebnisse kommen zu uns nach Hause (mein Kollege Christian Schoch berichtete), Schweiz Tourismus weckt mit der Kampagne #dreamnowtravellater Reise-Erinnerungen und -Sehnsüchte, die Jugendzeitschrift BRAVO lässt ältere Semester in ihrem digitalen Archiv in modischen Verfehlungen und vergangenen Teenie-Schwärmereien schwelgen, und in kulinarischer Hinsicht sorgt Betty Bossi mit kostenlosem Zugang zu allen Kochbüchern und der Rezept-Initiative #BettyKochtMitDir für würzige Prisen und frische Brisen in der heimischen Küche. Apropos frische Brise: Auch der Zürichsee wartet nur einen Mausklick entfernt.

Velo fahre, Schiffli fahre …

Wie viele andere auch, vermisse ich im Moment die Möglichkeit, mir an einem schönen Frühlingstag auf dem Zürichsee den Fahrtwind um die Nase wehen zu lassen. Ganz besonders ging es mir so, als ich kürzlich auf der «Social Distancing»-konformen Solo-Velotour mit schlaffen Quarantäne-Wädli den Pfannenstiel hinaufkroch und in einer der zahlreichen, Schnappatmungs-bedingten Pausen den Blick über das einladend blaue Wasser schweifen liess. Doch zum Glück ist aufgeschoben in diesem Fall nicht aufgehoben: Bis die Schiffe der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft (ZSG) ihren regulären Betrieb wieder aufnehmen können, genügt ein Blick in die neuste Ausgabe des ZSG Bordmagazins, um sich das vertraute Stampfen der Dampfmaschine und den Ausblick vom Deck auf die Glarner Alpen vor die geistigen Ohren und Augen zu rufen – und gleichzeitig Ideen für den nächsten Ausflug zu sammeln. Angesichts dieser freudigen Perspektive – #wirseenuns – wirkt auch der Blick aus den vom Stadtstaub getrübten Homeoffice-Fenstern gleich etwas freundlicher.

Und um den zuvor gesponnenen Storytelling- und Nostalgie-Faden noch einmal aufzunehmen, überlasse ich das Schlusswort vier «fantastischen» Hip-Hop-Buben, die seit den 1990er-Jahren mit ihren fröhlichen Geschichten ganze Generationen erfreuen. Ihr Tipp aus den 90ern funktioniert nämlich garantiert auch heute im Homeoffice. In diesem Sinne: Lass die Sonne rein – yeah, lass die Sonne rein!

Reisetipps für Geist und Seele:

  • Georg Kreisler wer? Rein- und am besten gleich weiterhören.
  • Das «National Theatre» schaltet auf seinem YouTube-Kanal jeden Donnerstag ein neues Stück aus seinem reichen Fundus auf – «‘S Wonderful! ‘S Marvelous!»
  • «Züri brännt»? Oder doch lieber «Accordion Tribe»? Noch bis zum 30. April 2020 ist das Artfilm-Archiv gratis nutzbar.
  • Die Perlen aus dem BRAVO-Archiv lassen auch gealterte Teenie-Herzen höherschlagen.
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