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Im Club ist nicht genug – wo überall die Musik spielt

von Andy Roth

Die ganz grossen Veranstaltungen waren die ersten, die nicht mehr stattfinden durften. Und es werden die letzten sein, die im Eventkalender wieder eingetragen werden. Während einzelne Clubs unterdessen unter Auflagen wieder ihren Betrieb aufnehmen, konnte die weltgrösste Techno-Party auch diesen Sommer nicht stattfinden. Ob die Street Parade ihr 30-jähriges Jubiläum im Jahr 2022 feiern kann, steht noch in anderen Galaxien.

Was aber machten Künstler*innen, Musiker*innen und DJs während der Zeit im Lockdown? Kreativ sein und Musik im Studio produzieren ging gut, weltweite Auftritte an Festivals vor Tausenden oder Club-Gigs vor Hunderten waren bekanntlich nicht möglich. Den Musikschaffenden fehlten jegliche Bühnen für den direkten Kontakt mit ihren Fans.

Community Management als Kundenbindung

Die Pandemie schränkte den Bewegungsradius von Konsument*innen zeitweise stark ein. Unternehmen, Destinationen, Gastronomen – ja, die gesamte Erlebnisökonomie – standen als regulatorische Konsequenz davon still und konnten ihr Kerngeschäft nicht mehr ausüben. Wie bleibt man mit Kunden – oder noch besser mit Fans – in solchen Zeiten in Kontakt? Wie können Momente festgehalten und transportiert werden, um in Erinnerung zu bleiben?

Mitnehmen anstatt hier geniessen

Der Sternekoch durfte keine Gäste mehr im Lokal empfangen, also konzipierte er Mehrgänger für Zuhause. Das war teilweise nicht nur Essen, sondern ein Erlebnis zum Mitnehmen, inklusive Kochanleitung und Tipps für den schön angerichteten Teller. Da war Vorfreude dabei, das Zubereiten ein Erlebnis und das Essen ein Genuss. Ob sich das für ihn finanziell lohnte, ich weiss es nicht. Aber damit blieb er in den Köpfen seiner Fans, statt nur hinter den Töpfen am Tüfteln.

Heimlieferung über Social Media

Nun haben Musiker während die Clubs geschlossen waren, nicht nur in der Studio-Küche neue Musik produziert, sondern sind mit ihren Plattentellern und Synthesizern hinaus in die Welt – an Sehnsuchtsorte. Szenografisch durchgedacht und in atemberaubenden Landschaften inszeniert, waren abgelegene Orte die Bühnen für Live-Sets ohne Publikum. Dokumentiert mit eindrücklichen Drohnenaufnahmen bei Sonnenuntergängen beschränkten sich diese Sets nicht nur auf ein Hörerlebnis, sondern wurden zum audiovisuellen Leckerbissen und brachten so die weite Welt ins Wohnzimmer.

Die Idee ist nicht neu: Musikfestivals und DJ-Sets an eindrücklichen Plätzen oder Live-Streams aus den Clubs gab es vor der Pandemie schon, mit Live-Publikum vor Ort.

Technologie ist mit elektronischer Musik seit den Anfängen logischerweise eng verbunden. Während dem Lockdown transportierten elektronische Kommunikationskanäle Techno in die ganze Welt, während das Reisen unmöglich war.

Reach the community

Durch den Aufnahmeort eines Sets bekommt die Musik eine Dimension mehr: die Destination. Auf der Suche nach Reichweite und neuen Märkten können 14,8 Millionen Views auf youtube eine (zusätzliche) Währung sein. Zugegebenermassen, das Set des deutschen Musikproduzenten Ben Böhmer im Korb eines Heißluftballons über der türkischen Region Kappadokien ist spektakulär. Das Schweizer Erfolgs-Duo Adriatique kommt mit einem vorpandemischen Video aus den französischen Alpen auf 10,8 Millionen Views. Historisch ist ihr Set über den Dächern von Zürich am DGTL Festival, welches 2020 nur online anstatt in Amsterdam stattgefunden hat. So leer sind Zürichs Strassen eher selten.

Ebenfalls international erfolgreich ist die südafrikanisch-schweizerische Doppelbürgerin Nora en Pure: am Arnensee realisierte sie eine Kollaboration mit einem Hardware-Hersteller und einem Online-Musikdienst und erreichte in knapp zwei Monaten 1,4 Millionen Views. Hinzu kommen weitere 270 000 Views auf dem Kanal der Destination Gstaad, die einerseits die Reichweite von Noras Community nutzt und der eigenen Community neue Bilder zeigt. Bei diesen Beispielen sind touristische Destinationen zwar teilweise involviert, sind aber nicht etwa die Initianten wie bei der aktuellen Kampagne «Linz ist Linz». Auch dieses kontroverse Beispiel zeigt, dass mehr Mut zu unkonventionellen Ideen oft mehr Reichweite bringt – oder zumindest einen Moment lang grosse Aufmerksamkeit.

Bild: Screenshot aus dem Video von Nora En Pure am Arnensee, Gstaad.


Und hier einige Beispiele zur Auswahl:

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